Ein Agricolaner berichtet…

…heute mit Thomas Buhl

Bild Thomas Buhl

Mittlerweile besteht der Club der Agricolaner aus 115 Mitgliedern. Alle haben eines gemeinsam: Sie haben ihr Abitur am Georgius-Agricola-Gymnasium absolviert. Doch was sie unterscheidet, ist der Weg, den sie nach ihrem Schulabschluss gegangen sind. Heute erzählt uns Thomas Buhl über seinen bisherigen Werdegang seit seinem Abitur 1984 und zeigt, dass es sich lohnen kann, beruflich einen neuen Weg einzuschlagen.

 

Eric Bach:

Was hat sich seit Deinem Abitur getan?

 

Thomas Buhl:

Ich habe von 1972 bis 1980 die damalige Pestalozzioberschule (Gebäude des heutigen Agricola-Gymnasiums) besucht und war dann von 1980 bis zum Abitur 1984 in der damaligen EOS (heutige Europäische Grundschule) in der Lindenstraße.

Mit dem Abi habe ich mich an der damaligen TH Karl-Marx-Stadt (später TU Chemnitz) beworben und hatte eine Zusage für ein Studium der Informationstechnik in der Tasche.

Zunächst wurde ich aber zur Armee, genauer den Grenztruppen der ehem. DDR, eingezogen (ab November 1984). Die Zeit bis dahin überbrückte ich mit einem Praktikum im Dienstleistungskombinat in der Wehrstraße (heute bekannt als Gelectra). Der dortige Personalverantwortliche Horst Zak hat – ohne dies damals recht zu wissen – meinen Berufsweg geebnet. Dazu später mehr. Die eineinhalb Jahre Grundwehrdienst (obwohl meine Lehrer immer wieder versucht hatten, mich zu einer längeren Dienstzeit zu „überreden“ – kein Vorwurf, das war halt damals so) waren eine wirklich vergeudete Zeit durch sinnlose Rituale und Befehle! Während dieser Zeit trat die TH Karl-Marx-Stadt an mich heran und fragte an, ob ich Interesse an dem ab 1985 neu aufgelegten Studiengang Informatik (anstelle Informationstechnik) hätte. Obwohl ich den Unterschied damals nicht recht kannte, ließ ich mich überzeugen – im Nachgang eine goldrichtige Entscheidung, denn die Logik liegt mir entschieden mehr als die Technik.

 

Vor dem Informatik-Studium stand aber die Forderung nach einem Praktikum in einem Rechenzentrum. Und hier kam wieder Horst Zak ins Spiel, dessen Vater Leiter des Rechenzentrums des damaligen VEB Dampfkesselbau Meerane war. Über diesen Kontakt kam ich zu dem gewünschten Praktikumsplatz und später – nach Beginn meines Studiums – sogar zu einem Delegierungsvertrag durch diese Firma. Im Gegenzug zu einer Unterstützung durch den Betrieb während des Studiums erklärte ich mich bereit, nach dessen Ende in diesem Betrieb anzufangen (ich unterschrieb dazu schon 1989 einen Arbeitsvertrag mit Beginn Februar 1991 – nicht ahnend, dass die Wende vor der Tür stand).

 

Mein Studium hat genau meinen Interessen entsprochen, Mathematik und Programmierung ohne Ende, dazu Englisch – wenn auch einige verhasste (zum Glück weniger wichtige) Fächer wie Russisch, sozialistische Betriebswirtschaft oder Technisches Zeichnen („so was muss ein Ingenieur doch können“ – dass wir gar keine Ingenieure, sondern Informatiker wurden, war dem Prof. wohl entfallen ) dabei waren. Ich habe insgesamt neun Semester an der zu dieser Zeit zur Technischen Uni umgewandelten Hochschule Karl-Marx-Stadt verbracht und mein Studium mit „sehr gut“ abgeschlossen. Während vorlesungsfreier Zeiten war ich immer wieder im Dampfkesselbau mit tätig und wuchs so in das kleine IT-Team dieser Firma hinein.

 

Dennoch war der Berufsstart nicht ganz so einfach. Im Februar 1991 beendete ich – nunmehr im vereinten Deutschland – mein Studium. In einer Zeit, in der die Firmen rundherum Personal entließen und niemanden einstellten. Die meisten meiner Kommilitonen gingen daher in den Westen, allein 4 oder 5 fingen im Rechenzentrum der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg an. Ich hatte irgendwann mal einen Termin beim Personalchef des Meeraner Dampfkesselbaus und überraschte diesen mit dem bereits 1989 geschlossenen Arbeitsvertrag. Von diesem wusste er gar nichts und war schon drauf und dran, mir postwendend wieder eine Kündigung zu erteilen. Aber der Zufall kam mir zu Hilfe – just zu dieser Zeit wurde der Betrieb von der Treuhandanstalt verkauft und aus den bisherigen „Kombinats“-Strukturen herausgelöst. Damit stand die Firma unter anderem vor der Aufgabe, ein eigenständiges „computergestütztes“ Lohn- und Gehaltsabrechnungssystem einzuführen – und das war ein ideales Projekt für einen frisch ausgebildeten Informatiker. So konnte ich bleiben und verdiente mein erstes Geld als „Problemanalytiker“ in diesem Projekt. Das waren damals (ich hab die Abrechnung noch) 1.280 DM (zum Vergleich: ein Azubi im ersten Lehrjahr hat bei uns heute bereits mehr als 1.000 EUR).

 

Das Projekt erforderte einige zusätzliche Fachkenntnisse im Lohnsteuer- und Arbeitsrecht, also jenseits der IT. Dazu besuchte ich insgesamt 6 Wochen lang Lehrgänge in Heidelberg und war dann später mehrere Wochen zum training-on-the-job (das hieß nur damals noch nicht so) in der Konzernzentrale in Düsseldorf. Mit meinem Trabi!

 

Ich konnte das IT-Projekt erfolgreich abschließen und bekam anschließend das Angebot, weiter in diesem Aufgabengebiet zu arbeiten und als „Leiter Personalwesen“ das Team der Personalabrechnung zu führen. Das war – so zufällig wie das im Leben nun mal so ist – mein Einstieg in den Bereich des Personalwesens, der mein ganzes weiteres Berufsleben geprägt hat.

 

Als der damalige Personalchef in den Vorruhestand ging, wurde ich 1998 „Leiter Personal- und Sozialwesen“, heute würde man „Personalchef“ dazu sagen. Ich habe in dieser Zeit die Höhen und Tiefen des Jobs im Personalwesen kennengelernt, etliche Mitarbeiter eingestellt und entwickelt, leider auch mehrere Massenentlassungen durchführen müssen. Aber auch das immer mit Anstand und weitgehend ohne Prozesse vor Gericht.

 

Etwas untypischerweise gehörte in mein Verantwortungsgebiet damals auch die IT-Administration mit dazu, das nennt man wohl Organisationen um Personen bauen. In den Folgejahren konnte ich dadurch parallel zum Hauptjob Human Resources auch weiter IT-Projekte mitgestalten, so unter anderem die Einführung eines Enterprise Resource Planning System, die Umstellung der IT auf den Euro und auf das neue Jahrtausend. Zudem habe ich mir in dieser Zeit ein tolles Netzwerk mit Fachkollegen anderer Firmen aus dem HR-Bereich über den sächsischen Metall-Arbeitgeberverband aufgebaut.

 

2002 ging die Firma dann völlig überraschend und unverschuldet in die Insolvenz, übrig blieb eine kleine Restmannschaft von etwa 80 Mitarbeitern – die brauchte keinen eigenen Personalleiter mehr. Zumindest gelang es mir und meinen Mitstreitern der Werkleitung damals noch, für die entlassenen Kolleginnen und Kollegen eine Beschäftigungsgesellschaft zu etablieren und damit deren Ausstieg etwas moderater zu gestalten.

 

Ich entschied mich zu einer Neuorientierung und scannte Stellenangebote. Aus familiären Gründen (ich war verheiratet, hatte 2 Kinder und mittlerweile ein Eigenheim in Glauchau-Niederlungwitz) suchte ich etwas in der Region – und fand einen nahtlosen Übergang in die M+E Consult GmbH in Dresden. Diese Beratungsgesellschaft speziell für Unternehmen der sächsischen Metall- und Elektroindustrie ist an den Metall-Arbeitgeberverband angedockt – somit konnte ich mein über viele Jahre entwickeltes Kontaktnetzwerk optimal einbringen. Ich war dort von 2002 bis 2006 als Geschäftsbereichsleiter für die Personalberatung zuständig – eine Zeit, in der ich mich fachlich und menschlich stark weiterentwickeln konnte. Wer nur eine Firma kennt, schwimmt oftmals im eigenen Saft. Hier hatte ich über Nacht mit einer Vielzahl von Firmen (von große Konzernunternehmen bis hin zur kleinen inhabergeführten Firma) und ganz unterschiedlichen Themenstellungen rund um den HR-Bereich zu tun. Im Rahmen von Berufsorientierungsprojekten für Schüler (Vorstellung der interessanten Jobs und Entwicklungsmöglichkeiten in der Metall- und Elektroindustrie) hatte ich seinerzeit auch mehrfach mit Frau Pyritz vom Agricola-Gymnasium zu tun.

 

Eines dieser Projekte führte mich dann für einen kurzen Zeitraum ins Bildungswerk der Sächsischen Wirtschaft, in das ich „im gegenseitigen Einvernehmen“ im Zeitraum 2006 bis 2008 wechselte. Im Nachhinein betrachtet ein Fehler, weil mir die Bildungsträgerlandschaft und die doch von der betrieblichen Personalarbeit weiter weg liegenden Themen letztlich nicht so behagten. Wir gründeten in dieser Zeit zwar noch eine Tochtergesellschaft für Personaldienstleistungen (Rekrutierung, Zeitarbeit etc.) aus, aber so richtig warm konnte ich auch damit nicht werden. Das tägliche Pendeln nach Dresden tat sein Übriges. Es zog mich wieder in die betriebliche Personalarbeit und die heimatliche Region zurück. Und wieder konnte ich von meinem Netzwerk profitieren: Eines der von mir betreuten Unternehmen trat mit dem Wunsch nach Unterstützung bei der Altersnachfolge für ihren Personalleiter an mich heran – das war die Möglichkeit, meinen eigenen Hut in den Ring zu werfen. Und es klappte auf Anhieb.

 

So wechselte ich 2008 als Personalleiter zur Johnson Controls Sachsen-Batterien GmbH & Co. KG nach Zwickau, einem traditionsreichen Unternehmen innerhalb eines US-geführten Firmenverbundes. Und dort bin ich in gleicher Funktion auch heute noch tätig. Die Firma hat in den letzten Jahren enorm expandiert und ich konnte das Wachstum durch den Aufbau der Belegschaft von etwa 150 auf jetzt um 500 maßgeblich mitgestalten und prägen. Zudem kommen mir endlich meine über die ganzen Jahre nur „trainierten“, aber bis dato nie praktisch angewendeten Englisch-Kenntnisse zugute. Eine super spannende Tätigkeit in einem internationalen Umfeld, als Automobilzulieferer vornehmlich in der Erstausrüstung zudem auf höchstem organisatorischem und technologischem Niveau. Als Prokurist bin ich Mitglied der Werksleitung und somit in verantwortungsvoller Position tätig. Und – nicht ganz unwichtig – wir rekrutieren unser Personal genau in der Region, aus der ich stamme – auch dadurch habe ich den Kontakt nach Glauchau (wo ich immer noch wohne) nie abreißen lassen.

 

Eric Bach:

Neben deiner Tätigkeit engagierst du dich auch im Club der Agricolaner. Was ist deine Motivation?

 

Thomas Buhl:

Zum einen ist es die Erinnerung an die eigene Schulzeit, mit der man ja die Grundlage für das weitere – zumindest berufliche – Leben gelegt hat. Und darin eingeschlossen sind viele ehemalige Mitschüler, die heute als Lehrerinnen und Lehrer am Agricola-Gymnasium beschäftigt sind. Mir fallen da spontan Frau Dorn (meine Tanzstundenpartnerin), Herr Herrmann, und Frau und Herr Riedel ein. Und nicht zuletzt auch einige Lehrer, die ich selbst noch so erlebt habe – wie Herrn Patzelt.

Andererseits ist es schön, Erfahrungen weiterzugeben und von den Erfahrungen anderer zu hören. Das geht einem auch mit den eigenen Kindern so – meine beiden sind ja auch den Weg über das Abi im Agricola-Gymnasium gegangen (bzw. in den letzten Zügen noch dabei).

 

Eric Bach:

Worin siehst du die Stärken des Clubs?

 

Thomas Buhl:

Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass ein gutes Kontaktnetzwerk viele Weichen im Leben in die richtige Richtung stellen kann. Da finde ich einen Alumni-Club eine tolle Sache. In dieser Hinsicht wünsche ich mir natürlich noch mehr Austausch mit „Ehemaligen“ meiner Generation, da könnten noch paar mehr mitmachen.

 

Eric Bach:

Hast du Tipps, von denen auch andere Agricolaner profitieren können?

 

Thomas Buhl:

Naja mit Tipps ist das so eine Sache, dem Einen helfen sie, der andere ignoriert sie oder macht ganz andere Erfahrungen. Also – wer es hören will: Ich denke, das Wichtigste ist – egal wofür man sich nach dem Abi entscheidet – etwas zum Abschluss zu bringen. Im Leben ändern sich Dinge und viele machen heute beruflich etwas ganz Anderes als sie gelernt/studiert haben – das geht mir nicht anders und manches ist auch durch Zufälligkeiten, unabsichtlich so gelaufen. Aber die Basis dafür, wie es gekommen ist, war trotzdem mein Abi und mein Studium. Da erlebe ich heute bei unseren Azubis oder Werkstudenten manchmal zu wenig „Durchhaltevermögen“, wenn mal etwas nicht so läuft.

Und vielleicht die Erkenntnis, dass man auch hier in unserer Region Perspektiven hat – heute mehr denn je. Wir haben etliche Kollegen, die mittlerweile wieder nach Sachsen zurückgekehrt sind und hier gut leben und arbeiten. Die „Provinz“ hat auch ihren Charme …